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Zur Geschichte des alten Friedhofs Lindau



Ums Jahr 1510 wütete eine derart heftige Pestepidemie in der Reichsstadt auf der Insel, dass Lindau sich einen neuen Begräbnisplatz suchen musste, einen Baumgarten, draussen auf dem Aeschacher Berg. Ganz in der Nähe lag die längst zerfallene Römervilla, deren behauene Steine nur darauf warteten, in die Friedhofsmauer und die zugleich errichtete Kapelle verbaut zu werden.

1520 wurde die Kapelle geweiht und auf dem Kirchhof leuchtete allen Toten ein Ewiges Licht, eine Öllampe deren kunstfertig behauene Säule aus der Römervilla stammte.

Kirchhof und Kapelle unterstanden rechtlich der Pfarrkirche St. Stephan, nicht den Gesetzen der Reichsstadt, boten also Asyl und Schutz vor jedweder Gewalt. Da alle Leichengottesdienste weiterhin in der Pfarrkirche St. Stephan abgehalten wurden, nutzte die Patrizierfamilie Kröll die gotische Kapelle zu ihrem Bestattungssort. Nach italienischem Vorbild richteten auch andere Patriziergeschlechter und hochgestellte Lindauer ihre Erbbegräbnisse entlang der Friedhofmauern unter Ädikulen ein, kleinen Grabhäuschen, die die Grüfte mit den kunstvollen Grabmalen und farbenfrohen Totentafeln schützen sollten. Verstorbene einfacher Herkunft wurden in Reihengräbern in der Erde bestattet.

Schon 1616 war der Friedhof zu klein geworden und musste nach Norden um den sogenannten Mittleren Kirchhof erweitert werden. Auch hier wurden Mauern und Grabhäuschen errichtet. Damals entstand auch ein "Armsünderplatz", zwar in der Nähe der Kapelle, doch ausserhalb der Mauern, also in nicht geweihter Erde. Hier sollten die "Armen Sünder", die Hingerichteten, Selbstmörder, Nichtchristen und ungetauften "unseligen Kinder", ohne Gebet, sang- und klanglos verscharrt werden.

Seit der Reformation 1528 fanden ausnahmslos protestantische Lindauer ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof, der im damals noch selbstständigen Dorf Aeschach gelegen war. Katholiken wurden auf den Friedhöfen der umliegenden katholischen Dörfer beerdigt. Erst 1805, nachdem Lindau bayerisch geworden war, nahm die Zahl der katholischen Toten derart zu, dass man ihnen einen streng abgetrennten katholischen Friedhofsteil einrichtete und 1848 den Bau einer eigenen Kapelle genehmigte, wozu zahlreiche evangelische Geldspenden eingingen.

Das starke Grundwasseraufkommen im Kirchhof erforderte eine sehr lange Ruhezeit. Fast immer herrschte Platzmangel, was schliesslich 1915 zur Auflassung des Friedhofs und zu seiner Verlegung ans Rennerle führte. In diesen 400 Jahren wurden die meisten Erbbegräbnisse mehrfach neu belegt. So finden sich auf dem Alten Friedhof Grabmale vom 16. bis 20. Jahrhundert. Hier hat Lindau seine Wurzeln.

1920 ging das Friedhofsareal in den Besitz der Stadt Lindau über. Nach und nach wurden alle Reihengräber eingeebnet und der Alte Friedhof in einen Park umgewandelt, der 1941 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Behördlich angeordneten "Aufräumarbeiten" fielen 1961 zahlreiche Namentafeln zum Opfer, die in den denkmalgeschützten Ädikulen angebracht waren. Viele Grabstätten wurden namenlos gemacht durch Umweltschäden, durch Diebstähle und Vandalismus litt der Alte Friedhof seit Jahren grosse Not. Um das Kulturdenkmal vor weiteren Schäden zu bewahren, hat sich im Jahr 2003 der Förderverein "Lindauer Kulturerbe Alter Friedhof e.V." gegründet, der sich um die Sanierung, die Pflege und den Erhalt von Lindaus historischer Grablege bemüht.

Seit dem Jahr 2010 werden auf Betreiben des Fördervereins wieder Urnenbestattungen "im Ausnahmefall" zugelassen. Für die Sanierung eines Grabmals vergibt die Stadt ein Bestattungsrecht. Diese Neuerung bewährte sich bald als beispielhaftes Erfolgsmodell.

Im Jahr 2012 konnte mit Festakt und Kunstausstellung das 500-jährige Bestehen des Friedhofs gefeiert werden. Aus berufenem Munde war zu erfahren, dass dieses bedeutende Denkmal einer von ganz wenigen geschützten Friedhöfen aus der Reformationszeit in Deutschland ist.

R. Auer